Boris Becker exklusiv: “Es macht Novak Djokovic heißer und aggressiver” – Australian Open 2023

Boris Becker ist bereit für die Australian Open. “Ich habe meine Hausaufgaben gemacht”, erklärt der 55-Jährige, der das erste Grand-Slam-Event der Saison 1991 und 1996 gewann. Die Aussichten, dass es 27 Jahre danach bei den Männern wieder einen Australian-Open-Champion aus Deutschland gibt, sind indes bescheiden.
Für Hoffnungsträger Alexander Zverev, erst vor Kurzem nach langer Verletzungspause wieder zurückgekehrt, müsse es zunächst “darum gehen, die 1. Runde möglichst gut und unfallfrei zu überstehen. Erst dann weiß er zu 100 Prozent, auf welchem Stand er ist”, betont Becker, verbreitet aber auch Optimismus: “Wir werden von Satz zu Satz einen besseren Zverev sehen.”
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UPDATE 10/01/2023 UM 09:41 UHR

Derweil geht in Melbourne das Rekord-Rennen zwischen Rafael Nadal (22 Grand-Slam-Titel) und Novak Djokovic (21 Titel) in die nächste Runde. “Im Innersten seiner Seele will Novak der erfolgreichste Tennisspieler aller Zeiten werden”, berichtet Becker, der den Serben von 2013 bis 2016 coachte und ihn als “Topfavoriten” einstuft.

Seine Rolle als TV-Experte für Eurosport betrachtet die Tennis-Ikone indes als große “Verantwortung, denn in den kommenden 14 Tagen werden viele Augen und Ohren verfolgen, was ich sage.”

Das Interview führte Tobias Laure

Wie geht es Ihnen und konnten Sie die vergangenen Wochen nutzen, um zurückzufinden in den Alltag?

Boris Becker: Ich hatte das Glück, dass Weihnachten und Silvester waren. Über den Jahreswechsel habe ich mich dann zurückgezogen, war für einige Wochen auf São Tomé, wo meine Partnerin zu Hause ist. Ich bin erst vor Kurzem zurückgekommen, konnte mich aber in den vergangenen vier Wochen akklimatisieren. Was den Sport anbelangt, habe ich meine Hausaufgaben gemacht und fleißig studiert, wer in Melbourne mitspielen will und darf. Insofern glaube ich, ganz gut informiert zu sein.

Wie sehr hat Ihnen die Nähe zum Tennis-Zirkus gefehlt und konnten Sie das Geschehen im vergangenen Jahr dennoch verfolgen?

Becker: Die Nähe hat mir enorm gefehlt, Tennis ist schließlich meine größte Leidenschaft. Ich konnte nicht jedes Turnier verfolgen, aber ich habe die BBC und ITV bekommen. So konnte ich in Wimbledon jedes Match verfolgen und bei den US Open die Highlights. Bei den ATP Finals in Turin konnte ich das Endspiel verfolgen. Also die wichtigsten Partien habe ich gesehen.

Bei den Australian Open sind Sie wieder als TV-Experte bei Eurosport zu hören und zu sehen. Was bedeutet Ihnen diese Aufgabe?

Becker: Auf der einen Seite ist es eine Verpflichtung. Man erwartet Know-how von mir, Schlagfertigkeit. Ich hoffe, beides in den vergangenen Jahren gegeben zu haben. Das Gleiche erwarte ich selbst auch von mir. Es ist zudem eine Verantwortung, denn in den kommenden 14 Tagen werden viele verfolgen, was ich sage. Hat der Becker noch Ahnung, wie steht es um sein Talent im Kommentieren? Weiß er, ob Zverev gespielt hat oder nicht, wie geht es Djokovic, ist Nadal weiterhin dabei? Das wird genau unter die Lupe genommen, was ich aber gewohnt bin. Ich werde mein Bestes geben, um professionell aufzutreten und rüberzukommen.

Im Vordergrund steht weniger die Frage, wie gut der Gegner ist, sondern wie stark Zverev selbst bei seinem Comeback schon sein kann.

Alexander Zverev ist nach langer Verletzungspause erst seit Kurzem wieder dabei. Kann es sogar ein Vorteil sein, dass in Melbourne im Best-of-five-Modus gespielt wird?

Becker: Man hat natürlich mehr Zeit, um einen schlechten ersten oder zweiten Satz umzubiegen, und es besteht die Chance, in den vierten oder fünften zu gehen. Jetzt kommt das Aber: Dafür bedarf es einer gewissen Fitness und ich glaube, dass Zverev diese Match-Fitness fehlt. Wo sollte sie auch herkommen? Er war ein halbes Jahr lang schwer verletzt mit einem dreifachen Bänderriss. Ich hatte das in meiner Karriere auch und kann sagen, dass dies eine schwierige Verletzung ist. Es ist eine Sache, das Sprunggelenk gesund zu bekommen, dafür zu sorgen, dass die Bänder die Belastungen aushalten und wieder Vertrauen in das Gelenk zu fassen. Eine ganz andere Sache ist es, sich die Fitness zu holen und später umzusetzen, was auf dem Trainingsplatz schon so toll funktioniert. Da geht es um die Psyche. Diese Entwicklung findet aber nicht im Training statt, sondern in der Match-Situation …

Becker über Zverevs Grand-Slam-Comeback: “Der dumme Spruch ist wahr”

… die er dieses Jahr schon hatte.

Becker: Ja, Sascha hat beim United Cup zwei Spiele bestritten und leider beide in zwei Sätzen verloren. Die gute Nachricht: Das Sprunggelenk hat gehalten. Die schlechte ist, dass er zumindest vor zwei Wochen die Match-Fitness noch nicht hatte.

Worin liegt also die größte Herausforderung für Zverev im Moment?

Becker: Er muss in seinen Körper hineinhören und sich in Krisensituation hineinarbeiten – da spielt die Auslosung für die Australian Open übrigens keine Rolle. Für Zverev gibt es keine schlechte oder gute Auslosung! Es muss jetzt darum gehen, die 1. Runde möglichst gut und unfallfrei zu überstehen. Erst dann weiß er zu 100 Prozent, auf welchem Stand er ist. Ich gehe davon aus, dass die Fitness schon besser ist als vor zwei Wochen. Auch der Modus über drei Gewinnsätze kommt ihm gelegen. Nur liegt die Wahrheit eben auf dem Platz. Dieser dumme alte Spruch ist wirklich wahr. Er muss sich heranfühlen, herantasten – aber ich bin sicher: Wir werden von Satz zu Satz einen besseren Zverev sehen!

Zverev startet gegen Juan Pablo Varillas aus Peru, der als Außenseiter gilt. Der weitere Weg sieht ebenfalls machbar aus. Sie würden trotzdem nicht von Losglück sprechen?

Becker: Ich möchte gar nicht bewerten, ob das ein einfacher oder schwerer Kontrahent ist. Wer im Hauptfeld steht, hat sich das verdient erspielt. Varillas hat keine Wildcard bekommen, sondern sich aufgrund seiner Platzierung in der Weltrangliste qualifiziert. Bedeutet: Das ist ein absoluter Weltklassespieler. Das ist keine leichte Nummer, zumal Zverev zum letzten Mal im Juni 2022 bei den French Open ein Grand-Slam-Match bestritten hat. Eine sehr lange Pause. Im Vordergrund steht weniger die Frage, wie gut der Gegner ist, sondern wie stark Zverev selbst bei seinem Comeback schon sein kann.

Ich finde es gut, dass Sascha erkannt hat, dass er einen Coach braucht. Sein Vater wird immer der “Übertrainer” bleiben, aber er hat gute Entscheidungen getroffen.

Mit Alcaraz hat erstmals ein aktiver Spieler einen Grand-Slam-Titel geholt, der jünger ist als Zverev. Wurde der Olympiasieger von der nachfolgenden Generation schon überholt?

Becker: Überholt würde ich nicht sagen, aber sie ist auf Augenhöhe. Was war das für ein Jahr für Alcaraz! Er hat nicht nur die US Open gewonnen, sondern auch Wimbledon gut gespielt, bei den French Open erst im Viertelfinale in vier Sätzen gegen Zverev verloren. Dazu konnte er Masters-Turniere für sich entscheiden. Eine unglaubliche Entwicklung, die für Experten aber nicht überraschend kommt. Dass es so schnell passiert ist und in aktiven Zeiten von Djokovic und Nadal, macht es umso bemerkenswerter. Carlos ist zurecht die Nummer eins. Leider hat er sich im Trainingslager verletzt und wird in Melbourne nicht dabei, man muss ihn aber als absoluten Topspieler für die kommenden Jahre auf dem Zettel haben, daran führt kein Weg vorbei. Zverev ist aber nicht chancenlos, allerdings wird es eine Herausforderung. Es geht nicht mehr nur um Nadal und Djokovic. Das ist Alcaraz und andere wie ein Sebastian Korda, ein Jannik Sinner.

Zverev hatte in den vergangenen Jahren einige Trainer, scheint aber noch nicht die Top-Lösung gefunden zu haben. Ist das sein großes Problem?

Becker: Ich finde es gut, dass Sascha erkannt hat, dass er einen Coach braucht. Sein Vater wird immer der “Übertrainer” bleiben, aber er hat gute Entscheidungen getroffen. Ob es David Ferrer war oder jetzt Sergi Bruguera ist. Im vergangenen Frühjahr in Miami haben Sascha und Sergi zusammen angefangen und die Sandplatzsaison war danach hervorragend. Leider kam die Verletzung bei den French Open dazwischen und die gute Arbeit konnte nicht fortgesetzt werden. Sergi ist ein absoluter Experte, einer aus meiner Generation. Vor allem für langsamere Beläge, sei es auf Sand oder auf entsprechenden Hartplätzen, ist er ein super Coach – und die richtige Wahl für Sascha.

Ein Phänomen ist und bleibt Novak Djokovic. Klarer Favorit in Melbourne für Sie?

Becker: Favorit ja, auch Topfavorit, aber nicht so klar wie in der Vergangenheit. Die Rod Laver Arena ist sein Wohnzimmer, dort fühlt er sich am wohlsten und hat neunmal den Titel geholt. Das Vorbereitungsturnier in Adelaide hat er vor Kurzem durch seinen Sieg im Endspiel gegen Sebastian Korda gewonnen und davor mit Daniil Medvedev sowie Denis Shapovalov starke Gegner im Halb- beziehungsweise Viertelfinale bezwungen. Novak hat im vergangenen Jahr eine sehr unglückliche Zeit in Australien gehabt und wurde letztlich des Landes verwiesen. Wenn sich da einer reindenken kann, dann bin ich das, weshalb ich ihn verteidigt habe. Es freut mich, dass diese Episode nicht mehr das Hauptthema ist und es wieder um Sport geht. Nur: Ein leichtes Turnier wird es nicht. Die Erwartungshaltung ist hoch, Novak will den Grand-Slam-Rekord von Nadal einstellen. Dazu scheint er etwas am Oberschenkel zu haben und ist wahrscheinlich nicht ganz bei 100 Prozent.

Die positiven Reaktionen auf Djokovic vor wenigen Tagen in Adelaide waren wichtig, er wurde ja fast euphorisch begrüßt. Diese Welle schwappt nach Melbourne, da bin ich sicher.

Der Auftakt in die Saison war dennoch verheisungsvoll.

Becker: Viele Profis haben im Vorfeld den United Cup gespielt. Das mag ein offizielles Turnier gewesen sein, hatte in meinen Augen aber den Charakter eines Showkampfs. Wenn du verlierst, bist du dennoch weiter dabei und hast Matches. Djokovic hat den härteren Weg gewählt, was für seine Einstellung und den Grund spricht, weshalb er in Australien ist: um das Grand-Slam-Turnier zu gewinnen. Dieses Risiko hat sich ausgezahlt und er ist nun besser vorbereitet als viele andere Spieler.

Novak Djokovic und Boris Becker bei den Australian Open 2015 in Melbourne

Fotocredit: Getty Images

Die Posse um seine Einreise und die Ausweisung im vergangenen Jahr hat auf völlig neue Art und Weise Sportgeschichte geschrieben. Wie schätzen Sie das als ehemaliger Coach des Serben ein – pusht ihn das nun oder ist der Ärger kontraproduktiv?

Becker: Ich habe zuletzt einige Experten-Meinungen gelesen und bin im Unterschied zu einigen davon nicht der Auffassung, dass es ihn hemmen würde. Im Gegenteil: Es macht ihn heißer und aggressiver – auch, weil er merkt, dass er nicht endlos Tennisspielen kann und seine Zeit irgendwann vorbei sein wird. Seine Enttäuschung vor einem Jahr war sehr groß, aber umso besser wird er meines Erachtens in dieser Saison bei den Australian Open sein. Die positiven Reaktionen auf seine Person vor wenigen Tagen in Adelaide waren wichtig, er wurde ja fast euphorisch begrüßt. Diese Welle schwappt nach Melbourne, da bin ich sicher. Ich glaube auch nicht, dass es Fans gibt, die damit ein Problem haben. Turnierdirektor Craig Tiley hat überdies angekündigt, dass Störer, die nur Buhrufe von sich geben, des Platzes verwiesen werden. Das finde ich gut! Ein mutiger Schritt, aber er muss die Spieler schützen. Die meisten Zuschauer kommen aber, um tolles Tennis zu sehen und die Profis zu unterstützen, aber wir leben in einer verrückten Welt.

Für Djokovic geht es weiterhin um den Grand-Slam-Rekord. Ist das sogar die größte Triebfeder seines noch immer unglaublichen Ehrgeizes und seiner Klasse?

Becker: Wenn man an Gold geleckt hat, ist man mit Silber nicht zufrieden. Im Innersten seiner Seele will Novak der erfolgreichste Tennisspieler aller Zeiten werden. Im Moment ist das Nadal, das muss man klar sagen. Dieser Rekord von Nadal ist die höchste Priorität für Djokovic, alles andere wäre nicht glaubwürdig.

Ich finde die Auslosung gar nicht so schlimm für Thiem. Er hat gegen Rublev nichts zu verlieren, aber das Match ist ein Gradmesser.

Hinter der Form seines ewigen Rivalen Rafael Nadal steht für viele ein Fragezeichen – für Sie auch?

Becker: So lange dieser Kerl dabei ist, würde ich nie gegen ihn wetten. Erinnern wir uns an das vergangene Jahr: Da hatte er eigentlich keine Chance, kam in Australien an und spielte zur Vorbereitung einen Challenger-Wettbewerb. Das hat keiner ernst genommen, viel haben sogar geschmunzelt. Zwei Wochen später hat Nadal die Australian Open gewonnen. Er ist ein unglaublicher Wettkämpfer und hätte er keine Chance, würde er nicht spielen. Hinzu kommt, dass er mit einem Auge im Djokovic heranrauschen sieht. Vielleicht hat Rafa gedacht, dass er ihn bei den Grand-Slam-Erfolgen abgehängt hat, aber dann gewann Novak in Wimbledon. Sagenhaft, dieser Zweikampf! Ich bin ein großer Nadal-Fan. Für junge Spieler ist er ein absolutes Vorbild und lebt vor, was mit Einstellung, Disziplin und purem Willen erreichbar ist. In der Rangfolge der Favoriten für Melbourne kommt er für mich auf Rang zwei.

Knifflig ist die Lage von Dominic Thiem. Verbessert in der zweiten Hälfte der vergangenen Saison, aber weit entfernt von alter Stärke – und jetzt das Hammerlos Andrey Rublev in Melbourne.

Becker: Ich finde die Auslosung gar nicht so schlimm für Dominic. Er hat gegen Rublev nichts zu verlieren, aber das Match ist ein Gradmesser. Er kann sehen, wie gut er wirklich schon ist, gerade im Best-of-five-Modus. Vielleicht kommt das Spiel gegen einen jahrelangen Top-Ten-Spieler wie Rublev genau zum richtigen Zeitpunkt. Es gibt im Tennis die Faustregel, wonach man bei einem Jahr Verletzungspause ein Jahr braucht, um wieder da zu sein, wo man vorher war. Wir müssen ihm also noch Zeit einräumen. In der Sandplatzsaison wird Dominic aus meiner Sicht wieder in der Lage sein, große Erfolge zu feiern.

Gehen wir für einen kurzen Moment davon aus, dass weder Nadal noch Djokovic die Australian Open gewinnt – wer macht es dann?

Becker: Daniil Medvedev fliegt da unter dem Radar, ist für mich aber der dritte Favorit. Er hat für seine Verhältnisse ein etwas schwächeres zweites Halbjahr 2022 erlebt, darf aber nie unterschätzt werden. In den vergangenen beiden Jahren hat er das Endspiel in Melbourne erreicht, und auch wenn es keiner ausspricht: Gegen Daniil spielt niemand gerne, gerade bei drei Gewinnsätzen. Er wird nicht umsonst als Schachspieler der Tennisszene bezeichnet und ist ein bärenstarker Kontrahent.

Herr Becker, ich bedanke mich für das Gespräch.

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